Neubelebung oder: welche Geschichte erzählt ihr?

Im Marketing gibt es eine wichtige Frage, wenn es darum geht, herauszufinden, wie gut ein Produkt auf dem Markt platziert ist. Es geht um die Geschichte, die erzählt wird, wenn jemand an diese Marke denkt.
Die Lila Kuh von Milka erzählt uns die Geschichte von Gemütlichkeit und einem glücklichen Leben auf dem Land mit einer guten Portion Verrücktheit (Hallo? Die Kuh ist lila!). Audi erzählt uns, wie sich ein Leben hart am Limit anfühlt und dabei trotzdem extrem sicher und bequem ist. Die Bahn … nun ja, da ist es eher eine etwas traurige Geschichte die wir von ihr kennen. Die Geschichte von überfüllten Abteilen, ausgefallenen Klimaanlagen und viel zu spät kommenden Zügen. Denn die Geschichten, die uns ein Produkt erzählt, das ist nicht einfach nur das, was uns in der Werbung über das Produkt erzählt wird. Es geht auch darum, wie es im echten Leben erlebt wird. Und Realität schlägt immer die Werbung. Das heißt: Wenn für viele Leute ein Produkt echter Mist ist, dann ist es auch Mist, auch wenn die Werbung uns bunte Blumenwiesen verkaufen will.

Als Pastor und Berater frage ich mich: Welche Geschichte erzählt eine Gemeinde in ihrer Nachbarschaft? Worüber redet man, wenn irgendwo zwischen Bier und Bratwurst sich plötzlich einmal das Gespräch um die Kirche am Ende der Straße dreht? Das können manchmal sehr schön oder auch sehr schräge Geschichten sein. Übrigens, auch wenn es keine Geschichten gibt, ist das eine Geschichte. Nämlich die traurige Geschichte von der Gemeinde, die es in den Köpfen ihrer Nachbarn gar nicht gibt. Da können die, die am Sonntag dort Gottesdienste feiern, noch so begeistert von ihrem „Produkt“ sein.

Vor einigen Tagen habe ich hautnah erlebt, wie es sich anfühlt, wenn mit einem Mal eine neue Geschichte erzählt wird. Ich begleite seit ein paar Monaten eine Gemeinde in der Nähe von Marburg. Vor einigen Jahrzehnten war sie eine echte Größe im Dorf, aber in den letzten Jahren ist von diesem Glanz nicht mehr viel übriggeblieben. Ihre Geschichte? Vielleicht hörte sie sich in etwa so an: Bei uns im Dorf gehen schon immer weniger in die „richtige Kirche“. Die ist schon nur was für Alte. Warum sollten wir jetzt in diese andere gehen? Irgendwie ist die komisch, klein, im Hinterhof.“
Und dann passierte letzte Woche etwas Spannendes. Diese kleine Gemeinde veranstaltete eine Legowoche. Vier Tage hintereinander bauten Kinder aus dem Dorf und der Umgebung zusammen aus 200.000 Legosteinen eine kleine Legostadt zusammen. Rund 40 Kinder kamen jeden Tag und strahlten über das ganze Gesicht. Es gab Kuchen, Getränke und Legosteine bis zum Abwinken. Einige redeten den ganzen Tag davon, dass es am Nachmittag endlich weitergeht. Die Eltern setzen ihre Kinder nicht nur am Straßenrand aus, sondern kamen mit, redeten mit den Mitarbeitern und waren unendlich dankbar für das Angebot.

Jetzt ist diese Gemeinde in den Köpfen vieler Kids die coole Gemeinde, wo sie mal ein paar richtig gute Tage erlebt haben. Auch solche Geschichten breiten sich im Dorf aus und schreiben die Geschichte neu. Neubelebung braucht Zeit, aber ist vielleicht gar nicht so schwer.

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Es steckt in uns. Diese große Sehnsucht nach echter, tiefer Gemeinschaft. So wurden wir geschaffen und das entspricht unserem Wesen. Es ist nicht gut, dass wir allein sind. Aber machen wir uns nichts vor. Oft genug haben wir erlebt, wie wir bitter enttäuscht wurden. Weil es einfach nicht funktioniert hat.
Gemeinden sind da keine Ausnahme. Oft bestätigen sie die Regel. Auf der anderen Seite: Wenn die Sehnsucht da ist und wenn wir hier ncht von etwas Abstrakten träumen, sondern von etwas, was in uns angelegt ist, dann muss es doch möglich sein. Dann muss es möglich, dass Gemeinden nicht bloß Veranstaltungszentren sind, sondern zu Orten werden, wo Heimat und liebevolle Nähe zum Greifen nahe sind. ##

Wie kann Gemeinschaft wachsen? In einem ganz anderen Zusammenhang habe ich etwas über Neuberger und Kompa gelsen. Sie haben einmal die Faktoren zusammengestellt, die für eine gelungene Unternehmenskultur entscheident sind. Wenn wir hier nur ein paar Vokabeln austauschen und ein paar andere Begriffe einführen, kommen wir hier ein ganzes Stück weiter.
Demnach gehören zu einer Gemeinschaft, die in die Tiefe geht, gerade einmal 5 Bausteine:

1. Vernetzung 
Damit ist zunächst gemeint, dass es Orte und Gelegenheiten gibt, an denen sich Menschen überhaupt begegnen können. In der Gemeinde kann das der Gottesdienst, der Hauskreis oder was weiß ich noch sein. Dieser Punkt klingt so selbstverständlich, dass er droht, lächerlich zu wirken, aber ohne Begegnung keine Beziehung.
Aber Begegnung ist mehr als in einem Raum zu sein. Begegnung ist Kommunikation. Seien es Worte, Gesten oder auch bestimmte Rituale.
Und wenn Begegnung in erster Linie Kommunikation ist, dann kann Begegnung auch dann stattfinden, wenn wir uns nicht sehen. Das einfachste Beispiel dazu ist sicherlich das Telefon, das uns hilft, auch Menschen zu treffen und ihnen nahe zu sein, selbst wenn sie am anderen der Welt unterwegs sind. Wir müssen uns nicht sehen, um uns zu begegnen. Wir müssen in Kontakt bleiben, uns mitteilen. So entsteht ein Wir-Gefühl, eine unsichtbare Verbundenheit. Die Basis für eine gute Gemeinschaft.

2. Verlebendigung 
Aus dem Wir-Gefühl kann nun ein Miteinander werden.

Wenn Fremde nicht nur begrüßt werden, sondern wir sie fühlen lassen, dass sie wirklich willkommen sind.
Wenn ich im Gottesdienst sitze und dem anderen nicht nur freundlich zunicke, sondern anfange, mit ihm zu reden, zu fragen, wer er ist.
Wenn Menschen andere in dem was sie tun motivieren, statt nur ihre Fehler zu unterstreichen und sie zu kritisieren.
Hier kann nach und nach etwas sichtbar werden, was lebensnotwenig für eine Gemeinschaft ist, die über die flüchtige Begenung hinaus leben übereben möchte: Ich erkenne den Sinn, warum es gut ist, hier bei anderen Menschen zu sein. Das macht jede GEmeinschaft anziehend.

3. Verinnerlichung 
Das bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen anfängt, ihre Beziehungen und ihr Handeln selbststädnig zu steueren und zu gestalten, statt von außen gesteuert zu werden. Dort, wo das nicht gelingt, regiert die Angst, Fehler zu machen oder ständig steht die Frage im Raum, was andere wohl denken, wenn man nun etwas Neues wagt. Eine Gemeinschaft, die auf dem Weg in die Tiefe zueinander ist, wird sich fragen, was gut für sie ist und nicht, was andere von ihr erwarten.

4. Vertiefung 
Ein weiterer Baustein ist der Mut, sich verletzlich zu machen und sich anderen zu öffnen. Indem ich offen erzähle, worüber ich mich freue, wovor ich Angst habe und wie ich bestimmte Situationen deute, lade ich andere Menschen hinter die Kulissen meines Lebens ein.
Ich denke, zuoft wird der Fehler gemacht, mit diesem Punkt zu unachtsam und zu grob umzugehen. Es braucht Zeit, bis Menschen anfangen, solche Geheimnisse von sich preis zu geben.

5 Verewigung 
Damit sind die Geschichten gemeint, die wir teilen. Die Erlebnisse, die uns zusammenschmieden, die Krisen, die gemeinsam durchstanden werden, die Projekte, die miteinander gemeistert werden oder auch die Niederlagen wo wir gemeinsam heulend vor einem Scherbenhaufen stehen und trauern.
Daraus werden die Geschichten, die wir uns auch nach 20 Jahren noch auf Geburtstagsfeiern oder am Lagerfeuer erzählen und die uns eng miteinander verbunden haben.

Diese Bausteine sind keine Rezepte und vor allem: Sie sind nicht steuerbar. Als Gemeindeleitung kann ich keine gute Gemeinschaft machen. Ich kann Hindernisse aus dem Weg räumen und ich kann Räume schaffen, damit Menschen sich begegnen können. Mehr nicht.
Der Rest liegt bei dir und bei mir. Es ist deine und meine Entscheidung, wie stark wir uns hineingeben und uns öffnen. Und von der Frage, ob wir bereit sind, unsso anzunehmen, wie Jesus uns angenommen hat oder ob wir unsere Erwartungen und Forderungen aufeinander projezieren und uns so ständig überfordern und uns fremd bleiben.

Vergeltung

Miguel war ein großes Talent. In seinem Land studierte er Medizin, Geografie, Mathematik und Theologie. Er war ein guter Wissenschaftler mit einem hohen Wissensdurst. Als Theologe machte er nur einen Fehler. Seine Ergebnisse waren anders, als die der großen theologischen Elite.
Eine große Diskussion entbrannte, vor allem mit einem Theologen in einem Nachbarland, nur einen Steinwurf von seiner eigenen Heimat entfernt. Briefe wechselten, die Gemüter kochten über. Heute, im 21. Jahrhundert mitten in Europa stellt so etwas kein Problem dar. Wir sind es gewohnt, zu diskutieren und andere Meinungen stehen zu lassen.
In der Kultur, aus der Miguel stammt, sah es anders aus. Der Theologe, mit dem er stritt, wünsche ihm den Tod. Einmal sagte er: „Wenn dieser Mann einmal in meine Stadt kommt, wird er sie nicht mehr lebendig verlassen.“
Miguel nahm diese Aussage nicht ernst genug und reiste. Und kam in die Stadt des anderen Theologen. Dort herrschte eine enge Verbindung zwischen Staat und Religion. Der religiöse Führer war auch gleichzeitig eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Stadt. Er erkannte Miguel und erstattete Anzeige. Er wurde verhaftet und unter Anklage gestellt.
Er kam vor ein Gericht, das für ihn gar nicht zuständig war, mit einer Anklage, die nahezu haltlos war, einer Beweisführung, die jede Rechtstaatlichkeit verspottet und vor einen Richter, der von der Meinung des religiösen Führers abhängig war und im Hintergrund von ihm gesteuert wurde. Das Urteil stand vermutlich schon fest, noch bevor der erste Verhandlungstag begann.
Am Ende wurde Miguel dann auch schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt. Für seine eigene Meinung wurde er bei lebendigem Leib verbrannt.
Miguel hieß mit vollem Namen Miguel Servetus. Er starb 1553. Nicht in einem arabischen Land, sondern in Genf. Der Mann, der für seinen Tod verantwortlich war, war kein moslemischer Fundamentalist, sondern der evangelische Theologe Johannes Calvin. Seine Hinrichtung wurde allgemein als richtig angesehen. Kein anderer Reformator legte Einspruch ein.
Vermutlich nur ein Mann erhob damals seine Stimme. Der Humanist Sebastian Castellio, Professor an der Baseler Universität. In seiner Schrift „Ob Ketzer verfolgt werden dürfen“ nimmt Castellio den Grundgedanken der Toleranz auf und schmettert Calvin und damit allen, die glauben, die reine Lehre durch das Töten eines „Ungläubigen“ verteidigen zu müssen, einen Satz entgegen, der Geschichte geschrieben hat: „Einen Menschen töten, heißt niemals, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten“.

Einen Moslem zu töten heißt niemals eine christliche Lehre zu verteidigen, sondern heißt immer: einen Menschen zu töten. Einen Christen mit einer Bombe zu zerreißen heißt niemals, Gottes Ehre wiederherzustellen, sondern heißt immer: einen Menschen töten.

Einen Menschen zu töten bedeutet niemals, Gott groß zu machen, sondern schwach. Denn ein Gott, der darauf angewiesen ist, dass seine Anhänger ihn beschützen, muss ein schwacher Gott sein. Ein Götze, der sich selbst nicht helfen kann.

Ja, ich leide darunter, dass Blasphemie salongfähig geworden ist und scheinbar zu einer freien Demokratie dazugehören muss. Es tut mir weh, wenn ich höre, dass Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet werden. Ich kann es nur schwer ertragen, wenn ich Kämpfer des IS sehe, wie sie stolz die toten und geschundenen Körper meiner Geschwister in die Kamera halten. Kinder, Frauen und Männer, die sterben mussten, weil sie Christen sind. Ich kann es schwer ertragen, wenn ein deutscher Dschihadist in einem Interview völlig selbstverständlich davon redet, dass der IS alle Schiiten töten wird, weil sie den falschen Islam leben. Es fällt mir schwer, hier ruhig zu bleiben.
Aber unser Auftrag ist nicht, hier Rache und Vergeltung zu fordern. Weil Gott selbst einen anderen Weg gegangen ist. Dort, wo Christen zu Gewalt und Vergeltung aufrufen, haben sie das Wesen und den Charakter Gottes aus dem Blick verloren. 

Die Attentäter von Paris riefen: „Allah akbar“ – Gott ist groß. Das ist richtig, aber der Gott der Bibel ist so groß, dass er bereit war, sich klein zu machen. Er wurde einer von uns. Jesus ließ es zu, dass er in einem dreckigen Viehgehege als Mensch geboren wurde. Seine Kindheit war von Flucht geprägt und in seinem Leben hier schwanke die Stimmung ihm gegenüber ständig zwischen „Hosianna, dem Sohn Davids“ und „kreuzigt ihn“. Er kennt Durst und Hunger, Einsamkeit und Verlassenheit nicht nur aus unseren Gebeten, sondern hat das alles am eigenen Leib ertragen.
Und das alles aus nur einem einzigen Grund. Seine Liebe zu uns trieb ihn in die Abgründe der Menschlichkeit. Seine Liebe zu uns ließ es zu, dass er sich foltern und auslachen ließ.

Nicht, um sich lächerlich zu machen, sondern um sich voll und ganz mit uns zu identifizieren.
Viele Menschen steigen an dieser Stelle aus, weil sie das nicht auf die Reihe bekommen, dass Gott es zulässt, dass Jesus einen solchen Weg gehen musste, um dann am Ende zu sterben. Sie wollen mit einem Gott nichts zu tun haben, der einen Unschuldigen kreuzigen lässt. Dabei müssen wir aber eines im Blick behalten. Nämlich das, was der Apostel Paulus mit nur einem Satz auf den Punkt bringt: „Gott war in Jesus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ Er ließ keinen anderen das alles ertragen, sondern nahm selber den Platz ein. Er war in Jesus.
Für das, was wir heute erleben, bedeutet das:
Er redete das nicht klein, was ihm die Ehre nimmt.
Er schaut nicht weg, wenn Menschen mit Bomben töten, Frauen vergewaltigen oder Kinder entführen.
Das macht ihn zornig, aber seinen Zorn richtete er gegen sich selbst. Er fordert Vergeltung, aber er bezahlte selber den Preis.
Er gab der Welt die Gerechtigkeit zurück, indem er selber die Konsequenzen einer kaputten und verzweifelten Welt trug und ertrug.
Von diesem Gott erzählt die Bibel.
Er braucht niemanden, der seine Ehre verteidigt, weil er seine Ehre selber wiederhergestellt hat, in dem er sich ganz klein gemacht hat.
Sein großes Thema ist nicht Vergeltung oder Rache, sondern Versöhnung. Paulus schreibt, dass Gott uns lebendig gemacht hat. Er hat uns mit sich selbst versöhnt. Er hat uns mit ihm, dem Leben wieder ganz neu verbunden. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als niemand das von uns gewollt hat. Dazu benutzt er die Formulierung: „Als wir tot waren in unseren Sünden.“
Als wir nichts von ihm wollten.
Als wir Gott ignoriert hatten.
Als wir stolz waren auf unsere Argumente, warum man diesem Gott auf keinem Fall trauen darf.
Als wir noch unsere Bomben bastelten.
Da hat er an uns gedacht, uns geliebt und seine Hand ausgestreckt.

Für uns bedeutet das:
1. Versöhnung ist unser zentrales Thema 
Gott braucht uns nicht, um seine Ehre zu bewahren. Wir müssen ihn nicht verteidigen oder schützen. Wir sind vielmehr dazu herausgefordert, seinem Weg der Versöhnung zu folgen. Und zwar in alles Facetten. Dazu gehört, dass wir es bekannt machen, dass Gott sich längst mit uns versöhnt hat, aber auch, dass wir selber diese Versöhnung leben. Dass wir andere Menschen als Freunde Gottes behandeln. Ihnen Respekt und Freundlichkeit entgegen bringen, auch denen, die uns im ersten Moment abstoßen und die uns erst einmal anwidern.

Ich werde manches hassen, was Menschen tun, aber die Menschen, die das tun, was ich hasse, sind die Menschen, für die Gott lieber stirbt, als ohne sie zu leben.

2. Weil Gott sich mit uns versöhnt hat, dürfen wir hoffnungsvoll leben. 
Die Welt, in der wir leben, ist Gottes Welt. Und auch wenn manches gerade so ganz anders aussieht, ist er derjenige, der diese Welt in seiner Hand hat. Es gibt keinen Kampf mehr zwischen Gut und Böse, auch wenn es noch so viel Böses gibt, aber es steht fest, dass Jesus Sieger ist. Wir dürfen auf die Welt hoffen, die einmal so sein wird, wie Gott sie sich gedacht hat. Das ist keine fromme Utopie, kein klerikales Wunschdenken oder ein geistliches Hirngespinst, sondern eine Realität, auf die wir zugehen.

3. Offenheit und Freiheit sollten das sein, was uns ausmacht
Gerade weil wir selber Menschen sind, die von Schuld befreit wurden und von Gott angenommen sind, dürfen wir diese Freiheit leben und verkündigen. Unsere Welt ist dichter geworden und wir werden konfrontiert von Einflüssen, die eine bedrohliche Wirkung auf uns haben. Die Massenproteste im Rahmen von Pegida zeigen, wie groß die Angst von vielen Menschen ist, dass ihnen das genommen wird, was ihnen wertvoll ist. So groß, dass es zu irrationalen Kurzschlussparolen und Massenbewegungen kommt. Die Ängste sind da, aber wir können ihnen offen begegnen und müssen uns nicht abschotten oder Menschen den Zutritt zu unserem Land und Reichtum verweigern, nur weil sie anders sind.
Konkret heißt das auch: Ich darf angstfrei Brücken schlagen zu denen, die so ganz anders sind. Die anders glauben, die einen völlig anderen Lebensentwurf haben und deren Werte jenseits dessen liegen, was ich als gut und richtig wertschätze. 
Wir müssen uns nicht zurückziehen in eine fromme Welt hinter verschlossen Kirchentüren, sondern dürfen versöhnt in der Welt leben, die uns umgibt, mit den Menschen, die Gott uns hier in Marburg zur Seite gestellt hat.

4. Wir sind herausgefordert, das zu betonen und sichtbar zu machen, was unseren eigenen Glauben ausmacht
Gerade dann, wenn wir darunter leiden, dass im christlichen Abendland gerade die Sonne untergeht und wir Angst davor haben, dass wir auf eine nachchristliche Kultur entgegen gehen. Gerade dann sind wir herausgefordert, unseren eigenen Glauben zu stärken. Christus wird nicht dadurch in unserer Gesellschaft sichtbar, dass wir uns zurückziehen oder indem wir andere Religionen schlecht machen, sondern dadurch, dass wir mutig und respektvoll dafür eintreten, woran wir glauben. 
Und da geht es um die Frage, wie Gott sich tatsächlich in der Bibel uns offenbart und weniger um das, was wir da gern hineininterpretieren oder wie wir uns unseren persönlichen Gott zurechtglauben.
Wir müssen selber verstehen, wer und wie Gott ist, um über ihn reden zu können. Dazu brauchen wir den Austausch untereinander. Wir brauchen Menschen, die uns die Bibel auslegen und wir brauchen Menschen, die uns kritisch hinterfragen. 

Wir erleben heute eine Zeit der Ablehnung. Menschen gehen auf die Straße, um gegen eine scheinbare Islamisierung mit Sprechchören und Plakaten zu demonstrieren. Noch wird vor allem demonstriert.
Gleichzeitig hören wir, dass IS-Kämpfer aus dem Krieg in Syrien nach Deutschland zurückkehren mit dem Auftrag, hier ihre Bomben zu zünden und Menschen zu töten. Das macht uns Angst.

Die Kirchengeschichte hat gezeigt, dass auch wir Christen in der Lage sind, ein furchtbar verzerrtes Bild Gottes in unserer Welt zu zeigen. Miguel Servetus ist nur ein Name unter vielen. Wir haben viele blutige Katastrophen angerichtet und sind an Menschen schuldig geworden.
Aber gerade jetzt haben wir die Chance, die Kirchengeschichte weiterzuschreiben und dafür zu sorgen, dass wir die Fehler unserer Vorgänger nicht wiederholen. Wir haben die Möglichkeit, das Wesen und den Charakter Gottes sichtbar zu machen. Damit seine Liebe und Gerechtigkeit unsere Stadt und unser Land erhellt.

Lebendige Gemeinden

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit der Frage, ob man die Lebendigkeit einer Gemeinde messen kann. Und ja, ich setze mal vorsichtig Lebendigkeit mit Gesundheit gleich. Wobei eine Gemeinde für mich auch dann noch gesund ist, wenn sie mal die eine oder andere Macke hat. Bei uns Menschen ist das ja auch nicht anders. Ich habe zum Beispiel schlechte Augen, keine perfekten Zähne und neige zu einem verspannten Nacken, würde mich aber trotzdem als gesund bezeichnen.  Ich bin lebendig. Ich kann agieren, ich kann mich verändern, Neues wagen, feiern, arbeiten und nachts meistens schlafen.

Ich beobachte gerne Gemeinden, versuche sie zu verstehen und bin in der Regel davon begeistert, was für unterschiedliche Formen sie da annehmen können. Manchmal bin ich traurig, weil ich sehe, dass sich Gemeinden schnell aufgeben und davon überzeugt sind, dass sie demnächst sterben werden, sie also nicht mehr lebendig sind oder zumindest sterbenskrank.

Woran machen wir so etwas eigentlich fest, dass eine Gemeinde lebendig oder tot ist? Ja, ich weiß, Christian A. Schwarz hat die Frage schon vor ein paar Jahren geantwortet. Für ihn sind zweckmäßige Strukturen, gabenorientierte Mitarbeiterschaft, inspirierende Gottesdienste,  ganzheitliche Kleingruppen entscheidenden Faktoren. Und vermutlich passen seine Überlegungen auch sehr gut für einen ganz bestimmten Typos von Gemeinde.

Im Augenblick finde ich einen Ansatz von Robert Warren allerdings spannender. Vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass er auch kleinen Gemeinden gerecht wird.

Gleichzeitig beruft er sich auf Schwarz und sieht seine Eindeckungen als eine Fortführung vom großen Meister der modernen Gemeindeentwicklungsforschung.  Basis seiner Überlegungen ist eine Untersuchung von englischen Gemeinden, von denen man annahm, dass sie in den nächsten Jahren eingehen würde, die das aber scheinbar nicht gewusst haben und darum einfach aufgeblüht sind. Warren hat sieben (! J) Kennzeichen ausgemacht, die für diese Gemeinden typisch sind:

1.     Sie leben aus ihrem Glauben heraus

Entscheidend sind gar nicht mal die Strukturen oder die Frage, ob sie einen inspirierenden Gottesdienst haben. Wichtig war für sie die Frage nach der Quelle. In ihren Gemeinden bekommen Menschen den Raum, Gottes Liebe hautnah zu erfahren. Ihre Kraft beziehen sie aus dem Wunsch, Gott und sich gegenseitig zu dienen und Menschen bekommen in diesen Gemeinden die Möglichkeit, im Glauben zu wachsen und diesen Glauben weiterzugeben.

2.     Sie richten den Blick nach außen

Sie sind als Gemeinde mit ihrem Ort verwurzelt. Sie arbeiten mit anderen Institutionen fest zusammen. Leidenschaftlich setzen sie sich für Gerechtigkeit und Frieden ein – lokal und global. Dadurch stellen sie eine enge Verbindung zwischen ihrem Leben und ihrem Glauben her. Sie antworten diakonisch aus die menschlichen Bedürfnisse um sie herum.

3.     Sie wollen unbedingt herausfinden, was Gott von ihnen will

Sie fragen sich gemeinsam und jeden einzelnen: Was hat Gott mit uns vor? Wozu sind wir berufen? Dabei arbeiten sie an einer Vision für die Zukunft. Sie schauen nach vorne, statt sich ständig um die Vergangenheit zu drehen. Missionarische Perspektiven werden entwickelt. Es geht nicht nur um einzelne punktuelle Projekte, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, sondern um langfristige Pläne. Dabei fordern sie von ihren Mitgliedern auch Opfer, zeitliche und finanzielle.

4.     Sie stellen sich dem Preis der Veränderung

Zwischen den Zeilen höre ich oft den Satz: „Es soll alles besser werden, aber es darf sich nichts verändern.“ Das funktioniert leider nicht. Jede Veränderung hat leider ihren Preis. Eine vitale Gemeinde, so Warren wird Neues wagen und Altes hinter sich lassen. Sie wird Risiken in Kauf nehmen. Sie wird auf Veränderungen in ihrer Gemeinde und in ihrer Umwelt reagieren, statt zu resignieren.

5.     Sie handelt als Gemeinschaft

Beziehungen sind hier wichtig. Sie leben als Freunde und nicht als Funktionäre zusammen. Diese Beziehungen werden nicht nebenbei gepflegt, sondern sie verwenden viel Zeit und Mühe darauf, miteinander in die Tiefe zu wachsen. Ehren- und Hauptamtliche verstehen sich dabei als Team.

6.     Sie schaffen Raum für alle

Neue Besucher oder Mitglieder werden willkommen geheißen und es wird viel Zeit damit verbracht, ihnen deutlich zu machen, dass man sich wirklich freut, dass sie da sind und damit sie schnell ein fester Teil der Gemeinschaft werden. Kinder und Jugendliche gehören zur Gemeinde fest dazu. Man macht nicht nur Arbeit für die Kinder, sondern mit ihnen zusammen. Jugendlichen wird viel Freiraum auch im Gottesdienst gegeben.

Diese Gemeinden haben eine große Sehnsucht danach, Menschen aus viele Nationen und sozialen Hintergründen bei sich willkommen zu heißen.

7.     Sie machen wenig, aber das, was sie tun, machen sie gut

Sie konzentrieren sich auf die wesentlichen Veranstaltungen einer Gemeinde: Gottesdienste, Bibelstunden, Hauskreise. Statt sich in einer Angebotsvielfalt zu verlieren, um dann nur noch Kraft zu haben, alles halbherzig zu tun, legen sie in die wenigen Dinge ihre ganze Leidenschaft. Sie freuen sich über die Dinge, die sie tun und haben eine große Gelassenheit im Blick auf die Dinge, die sie weglassen.