Ist Gemeindeentwicklung „machbar“?

Wir mochten uns sehr, aber als wir bei dieser Frage ankamen, fingen wir an, uns wie die Kesselflicker zu streiten. Wir waren junge Theologen und es ging um die Frage, ob man mit wissenschaftlichen Methoden eine Gemeinde entwickeln kann oder nicht. Ein paar von uns stimmten dem ungebremst zu. Was in einem Unternehmen oder einer anderen Organisation funktioniert, muss doch auch in der Gemeinde klappen. Darum ist es gut, ein paar grundlegende Dinge aus der Organisationsentwicklung auch auf Gemeinden anzuwenden, wenn sie sich weiterentwickeln soll.

Die anderen hielten klar dagegen: Gemeinde ist Gemeinde Jesu und hier gelten nun einmal andere Gesetze als in der Wirtschaft. Hier regiert sein Geist und nur wenn er seinen Segen schenkt, dann kann aus einer Gemeinde etwas ganz Großes entstehen. Darum muss sich eine Gemeinde ihm nur zur Verfügung stellen. Alles andere geschieht dann durch sein Wirken.

An diesem Abend sind wir auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen und es war klug, diese Diskussion irgendwann einfach abzubrechen und zum gemütlichen Teil überzugehen. Trotzdem hat die Frage mich selber nicht losgelassen. Hier nun der Versuch einer Antwort.

Um zu verstehen, ob und wie Gemeinden von uns überhaupt weiterentwickelt werden können, müssen wir zunächst verstehen, was Gemeinde oder Kirche überhaupt ist. Ihr Wesen und ihre Identität.

Wenn wir in die Bibel schauen, dann lesen wir, dass Paulus verschiedene Bilder und Begriffe gewählt hat, um zu erklären, was mit Kirche gemeint ist. Gemeinsam haben sie alle, dass damit ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus bzw. zu Gott beschrieben wird.

Er bezeichnet sie als

  • „Tempel Gottes“ (1Kor 3,16, 6,19 und 2Kor 6,16),
  • „Bau Gottes“ (1Kor 3,9),
  • „Gemeinde Gottes“ (1Kor 1,2, Gal 1,13) und
  • „Leib Christi“ (1Kor 12,27),

wobei letzterer Begriff für Reiner Preul das „ergiebigste und folgenreichste“ ekklesiologische Bild für Kirche im Neuen Testament ist, da es hier vor allem und ausschließlich um das Verhältnis zwischen Christus und seiner Gemeinde geht. [1]

Die Verbindung zu Christus verbindet die Christen untereinander. Paulus schreibt: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ist ein Glied (1Kor 12,27). Begründet wird diese Verbundenheit mit Christus und damit auch die Verbundenheit der Gläubigen untereinander also ganz in seinem erwählenden Handeln. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16).

Dieser Gedanke von dem „einen Leib“ macht auch deutlich, dass von Kirche nie im Plural geredet werden kann, sondern immer nur im Singular. Es gibt nur die eine Kirche, die sichtbar und fassbar wird in Landeskirchen, landeskirchlichen Gemeinschaften, Freikirchen usw.

Das Verhältnis von geistlicher und sozialer Form der Kirche

Reiner Preul weist darauf hin, dass gerade im Blick auf die Kirche menschliches und göttliches Handeln deutlich unterschieden werden müssen. Achtung: Jetzt wird es etwas kompliziert, aber es lohnt sich, das einmal durchzudenken, versprochen. Menschliches Handeln ist  – nach Preul – ein Handeln „unter vorgegebenen Bedingungen, die sich in den konstitutiven Elementen menschlicher Existenz orientieren, dem „In-Der-Welt-Sein“, Sprache, Vernunft, Vorstellungskraft, Körperlichkeit, Sinneswahrnehmung, Raum und Zeit, Interaktion, Kontingenz usw. Im Gegensatz dazu steht das göttliche Handeln, das Preul als ein „Handeln unter selbstgesetzten Bedingungen“ versteht[2]. Menschliches und göttliches Handeln korrelieren dadurch, dass

„das Handeln Gottes strikt als Bedingung der Möglichkeit menschlichen Handelns verstanden wird: Gottes Handeln als Schöpfer ermöglicht menschliches Handeln-Können (…) Gottes Erlösungshandeln in Christus und dem Heiligen Geist ermöglicht das richtige, d.h. der Intention der Schöpfung entsprechende menschliche Handeln, das Tun der guten Werke“ [3]

Für ihn wird deutlich, dass eine Theorie der Kirche auf dem Begriff des Handelns gegründet sein muss. Die Kirche verdankt ihre Existenz den beiden Handlungsweisen Gottes Schöpfung und Erlösung und wird durch das Handeln des Menschen gestaltet. Sie lebt und definiert sich aus ihrer Beziehung zu Christus und der Geschwister untereinander. Die Barmer Erklärung formuliert diesen Gedanken so:

Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt.“

 Beides gehört zusammen: die Gemeinschaft der Menschen und die Beziehung zu Jesus Christus. Beide Pole gegeneinander auszuspielen, würde das Wesen der Kirche beschneiden. Sie ist und bleibt sichtbare und unsichtbare Gemeinde Jesu.

So, wie Gott in Christus Gestalt annahm und unter menschlichen Bedingungen in einem historischen, kulturellen und sozialen Kontext gelebt hat, so nimmt Gemeinde Jesu ebenfalls eine soziale Gestalt an, die geprägt ist von ihrem historischen und kulturellen Kontext. 

Christus als Mensch beschreibt nicht sein ganzes Wesen, aber es wird für uns als Menschen hier greifbar und erfahrbar. Genauso können wir mit Kirche als soziales System nicht die Identität der Kirche umfassend beschreiben, aber hier wird sie doch für uns sichtbar. Was als verborgene Realität geglaubt wird, wird im System Kirche zumindest ansatzweise erfahrbar. Gemeinde Jesu ist eine spirituelle Größe und nimmt gleichzeitig unter allen menschlichen Bedingungen und sozialen Besonderheiten Gestalt an.

Geglaubte und erfahrene Kirche greifen ineinander und können nicht voneinander getrennt und etwa in pneumatisch und organisatorisch unterteilt werden.

Gemeinde als soziales System

Gerade weil eine Gemeinde auch eine soziale Größe ist, können wir sie auch nach den Gesichtspunkten sozialer Gesetzmäßigkeiten als soziales System beschreiben, untersuchen und schließlich weiterentwickeln. Jesus als Erlöser, Gründer, Herr und Bewahrer der Kirche bleibt dabei der Handelnde. Es geht also nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein Ineinandergreifen und Miteinander von geistlichen Kräften und sozialen Wirklichkeiten.

 

Hinweis: Dieser Artikel ist auch als PDF verfügbar und darf gerne weitergeben werden. Um ihn herunterzuladen, einfach hier klicken) 

 

[1] Reiner Preul: Kirchentheorie, 64

[2] A.a.O.,  130

[3] Ebd.

 

 

Gastbeitrag: Neugründung und Neubelebung aktiv starten (Oliver Ahlfeld)

Kürzlich lese ich auf einem Kalenderblatt: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert!“  Obwohl der Satz von Albert Einstein stammt und die Weisheit der Bibel bei mir höheres Gewicht hat, denke ich noch lange darüber nach… Einerseits ist mir klar, dass manche Dinge lieber beim Alten bleiben. Andererseits denke ich an die vielen Veränderungen, die wir aus der Bibel kennen. Der Gedanke trifft auf meine Erfahrungen im Reisedienst. Dutzende Landeskirchlicher Gemeinschaften habe ich kennen und lieben gelernt. Aber darf ich ganz offen sein? Veränderungsbereit waren sie nicht immer. Eher fragend.

Häufige Frage

„Was sollen wir tun?“, ist die Frage, die ich am häufigsten höre. Denn viele Gemeinschaftsleute möchten aufbrechen, neu beleben. Sie fragen nicht, weil sie ahnungslos sind. Es sind erfahrene, Leute mit viel Kompetenz, ich habe höchsten Respekt davor. Aber Fakt ist, dass über einer ganzen Reihe Gemeinschaften diese Frage unbeantwortet schwebt – mal drohend, wie ein Damoklesschwert, mal erfrischend, wie ein Startsignal. Aber welche Antworten gibt es auf die Frage? Meine erste Antwort ist stets eine Gegenfrage: „Vielleicht sollten wir statt etwas zu tun lieber etwas lassen?“ Denn etliche machen viel zu viel. Und wenn Dinge seit Jahren laufen, aber es zeigt sich einfach keine wachsende, vertiefende Tendenz, es wächst nichts hervor, was die Substanz an Glaube und Gemeinschaft erkennbar stärkt – dann könnten wir es mindestens für eine Weile auch lassen. Um andere Bereiche zu stärken. Diejenigen, die sichtbare Frucht bringen.

Konzentriert Gemeinschaft leben

Klingt nach viel Arbeit. Auch das höre ich oft: „Immer noch mehr oben drauf!“. Obwohl man doch schon so viel versucht hat und die Entmutigung um sich greift. Aber es ist ein Irrtum, mehr tun zu sollen. Nicht „mehr“ tun, sondern „anders“ tun!

Dafür brauchen wir Analyse. Nicht technisch; nicht geschäftsmäßig, sondern geistlich: Es lohnt ein Blick auf unsere Stärken und vermeintlichen Schwächen („Gaben“), auf unser Umfeld („Kontext“) und auf unser Ziel. So kommt zusammen, was zusammen gehört. Diese drei Bereiche, aktiv bewegt, bringen immer eine Veränderung. Immer. Selbst wenn es Streit gibt, unterschiedliche Meinungen (und die wird es fast immer geben). Auch wenn es lange dauert und wenn es ein mühsamer Weg ist.

Vielleicht das Wichtigste: Ein konkretes Ziel. Eine Gemeinschaft formuliert: „Wir wollen uns mit aller Kraft für Familien einsetzen!“ – und dann wird alles in der Gemeinschaft darauf abgestimmt. Eine andere entdeckt: „Wir sind für die Senioren unseres Stadtteils da!“ – und was diesem Ziel nicht entspricht, wird gelassen. Wieder eine andere: „Wir sind die Gemeinschaft mit dem Ziel, dass Kinder in unserem Dorf Jesus entdecken – und das bestimmt unser Gemeinschaftsleben, alle Gruppen, Kreise und Angebote!“. Diese Konzentration ist grundlegend wichtig und dennoch keine große Sache. Es ist ein kreativer Prozess, der geleitet werden muss.

Leitung?

Leiten bedeutet, sich den aktuellen Fragen aktiv zu stellen und sie strategisch zu bewegen, idealerweise im Team. Leiter nehmen zwar möglichst viel mit, setzen aber auch unpopuläre Entscheidungen durch. Ich erlebe keine wachsende Arbeit im gesamten deutschen Raum, in der nicht „leitende Leiter“ bei der Arbeit sind. Das müssen nicht die Prediger sein. Aber Leute, die vorangehen. Sie motivieren, fördern und ermutigen, korrigieren und planen, vor allem: Sie bringen aktiv in die Praxis. Es wird eben nicht nur diskutiert und endlos beraten, es wird auch mal angefangen. Dabei bleibt die wichtigste Komponente des Leiters im Prozess der Neubelebung sein eigenes Herz. Er überprüft seinen Herzschlag: „Bin ich am Wort Gottes? Bin ich gut beraten, hole ich mir Hilfe von außen, bin ich hinterfragbar? Höre, leite und entscheide ich wirklich?“. Mit solchen Leitern geschieht Neubelebung.

Grenzen der Neubelebung

Dennoch: Manchmal stellt sich heraus, dass trotz guter Leitung kein Neubelebungsprozess mehr geht. Wenn eine verbliebene handvoll Endachtziger eine spritzige Arbeit für junge Familien wünscht. In solchen Fällen – die in den kommenden Jahren massiv zunehmen – muss anders gedacht werden: Haben wir noch Ressourcen, um eine Neugründung zu wagen? Denn Neugründung von Gemeinschaften ist keinesfalls nur eine Suche auf der Landkarte nach dem „schwarzen Fleck“, wo noch keine Gemeinschaft besteht…nein, der „gewöhnliche Pietist“ kann für die Gründung einer Gemeinschaft in Frage kommen! Denn so hat unsere Bewegung angefangen: Durch kleine Kreise, die von gewöhnlichen Leuten gegründet wurden. Sie sind schon jetzt Realität im Gnadauer Raum: In einem ehemaligen Tanzlokal findet ein Gottesdienst statt. Ganz anders als bisher, vollkommen zugeschnitten auf Leute von heute – aber immer mit Jesus mittendrin. Oder in einem Seniorenheim entsteht eine ganz neue, missionarische Bibelstunde. Oder in einem Wohnzimmer entsteht eine neue Gemeinde durch schlichtes Zusammensein, Essen und Bibellesen. All das ist Neugründung ohne Extra-Geld, Extra-Prediger und Extra-Gebäude!

Wie geht das?

Ganz schlicht hören und tun, was Gott möchte. Das ist oft zwar viel anstrengender, als einen eingeschlafenen Betrieb laufen zu lassen und immer wieder auch mit Misserfolg verbunden, wenig verlockend. Dennoch: Mut zum Risiko! Mut zur Lücke! Lasst uns wieder fröhlich ausprobieren und irren, versagen und ernten. All das eingebettet in gesunde Wahrnehmung und viel Freude am Kommunizieren. Vergessen wir die Rezepte. Vermeiden wir die Phrasen à la „Mach‘ es so, dann klappt’s!“. Widmen wir uns mehr kreativer Strategie und weniger langweilender Theorie, mehr ermutigendem, gemeinsamem Leben. Und der tiefen Freude an unserer Mission als Christen: Gottes Wort mit den Menschen von heute zu leben und zu teilen, damit sie Jesus kennenlernen und bei ihm bleiben. Dabei entdecken wir, worauf wir uns für die kommenden Jahre einstellen können: Wege gehen mit Menschen, die Jesus (noch) nicht kennen.

 

Zur Person: 

Oliver Ahlfeld, Jahrgang 1968, ist Referent für Neubelebung und Neugründung im Gnadauer Gemeinschaftsverband (www.gnadauer.de).